Karlheinz Halbig-Kolb „Labyrinth“ in VenedigAm zweiten Juniwochenende 2002 ging für die Theaterwerkstatt Eisingen und allen an der neuesten Produktion Maskentheater Labyrinth Beteiligten ein neuerlicher Traum ihrer Theatergeschichte in Erfüllung: Am Sonntag, den 9. Juni 2002 standen wir auf dem Campo di S. Margherita der Lagunenstadt Venedig und spielten unser Stück. Das letzte Wort von Carolin, unserer Hauptdarstellerin, in der Sendung Stolperstein des Bayerischen Fernsehens (das gerade eine Dokumentation über die Entstehung unseres Maskentheaters ausstrahlte) auf die Frage der Moderatorin nach ihren Träumen war: „Venedig“. Caro meinte damit eine Aufführung von Labyrinth in Venedig und gab im Grunde nur einen Herzenswunsch von uns allen wieder.Zwei Wochen später: Eine E-Mail aus Venedig rückt diesen Traum urplötzlich in greifbare Nähe. Eine befreundete venezianische Organisation, auf deren Einladung wir schon zwei Mal in Venedig waren, lädt uns zum 20. Jubiläum ihres Sommerfestes „ Una Festa Per Tutti“ nach Venedig – Mestre ein, um dort unser Maskentheater Labyrinth aufzuführen. Natürlich sagen wir zu.Dann tickert es in unseren Köpfen und so mancher Beteiligten: Wie stellen wir es an, bei dieser Gelegenheit auch in der Lagunenstadt selber, auf einem der Plätze spielen zu können? Außerdem hat das Team von Stolperstein des Bayerischen Fernsehens beschlossen, uns auf dieser Venedigreise zu begleiten. Einige Tage laufen die Drähte heiß. Wir schicken eine Anfrage an das Bürgermeisteramt von Venedig und das ital. Fremdenverkehrsbüro. Die Pressestelle der Bürgermeisterin der Stadt Würzburg bitten wir um Unterstützung bei einem Spendenaufruf zur Finanzierung der Reise. Und auch “unser Fernsehteam“ läßt seine Kontakte nach Venedig spielen. Und so steht kurz vor der Abreise soviel fest: Wir haben Maria, eine deutsch sprechende Venezianerin als Kontaktperson in Venedig und die Aussicht auf einem Platz in der Nähe des Piazzale Roma irgendetwas mit unseren Masken zu zeigen. Alles weitere nach Ankunft.Die Pressestelle veröffentlicht einen gemeinsamen Spendenaufruf der Bürgermeisterin von Würzburg und des Landrates. Am Freitag, den 7. Juni starten wir in Eisingen. Unterwegs erfahren wir von Brigitte Hausner, der Autorin des Films über unsere Reise, dass auch der Sendeleiter von Stolperstein Heiko Steinert sich auf den Weg nach Venedig gemacht hat, um uns dort zu begleiten... ...Wir wohnen in Mestre mitten auf dem Campo. Das quirlige Nachtleben bei unsere Ankunft begeistert uns. Unglaublich viele junge Leute flanieren über den weiten Platz und bevölkern die Straßencafes. Das hätten wir Mestre gar nicht zugetraut. Es ist eine tolle Atmosphäre. Am nächsten Abend spielen wir auf dem Fest unserer venezianischen Freunde etwas außerhalb der Stadt in einem Park. In der Nacht regnet es heftig und auch den ganzen Vormittag... Wir sind dennoch guter Dinge. Bereits bei der Beantragung für eine Darbietung in Venedig haben wir uns für den späten Nachmittag entschieden und sind jetzt felsenfest davon überzeugt, dass der Regen bis dahin aufhört. Noch dazu, da wir endlich wissen, dass wir auf dem Campo di S. Margherita spielen werden, einem unserer Lieblingplätze in Venedig. Maria unsere Kontaktperson hat sich für diesen Platz entschieden, da er zu Fuß am ehesten erreichbar ist.
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Maria unsere Kontaktperson hat sich für diesen Platz entschieden, da er zu Fuß am ehesten erreichbar ist. Müssen wir doch unser Masken und Gewänder durch die Stadt schleppen. Sogar drei Kulissenteile dürfen wir aufstellen, was uns am Vortag die zuständige Polizeidienststelle augenzwinkernd erlaubt hat: „ Wir haben am Sonntag eh geschlossen und die nächste Dienststelle ist San Marco....“ Ziemlich weit weg eben, interpretieren wir den Beamten und nehmen das als Erlaubnis, was unserer Maria aber einige Kopfschmerzen bereiten sollte: “Was, wenn sich nun doch wer beschwert...?“ Normalerweise muss man für jeden Quadratmeter, auf den man etwas in Venedig auf den Boden stellt um Erlaubnis fragen und bezahlen. |
Müssen wir doch unser Masken und Gewänder durch die Stadt schleppen. Sogar drei Kulissenteile dürfen wir aufstellen, was uns am Vortag die zuständige Polizeidienststelle augenzwinkernd erlaubt hat: „ Wir haben am Sonntag eh geschlossen und die nächste Dienststelle ist San Marco....“ Ziemlich weit weg eben, interpretieren wir den Beamten und nehmen das als Erlaubnis, was unserer Maria aber einige Kopfschmerzen bereiten sollte: “Was, wenn sich nun doch wer beschwert...?“ Normalerweise muss man für jeden Quadratmeter, auf den man etwas in Venedig auf den Boden stellt um Erlaubnis fragen und bezahlen. Es ist 15 Uhr. Der Regen hat tatsächlich aufgehört und unsere Karawane setzt sich in Bewegung. In einem langen Zug tragen wir unsere Utensilien durch die Lagunenstadt. An Kanälen entlang, vorbei an staunenden Passanten, über Brücken und Plätze bis wir endlich ankommen. Ein Hinterhof und ein Durchgang bilden sozusagen den Backstage Bereich, der weite Platz und die angrenzenden Cafes den der Zuschauer. Logenplätze bieten die Fenster der drei- und vierstöckigen Häuser des weiten Runds. Noch spielt eine Schar einheimischer Kinder munter auf unserer “Szenenfläche“ Fußball. Maria informiert die Nachbarn und Cafebesitzer, den Kids zeigen wir schon mal unsere Masken. Man weiß ja nicht...? Richtig, tut man nicht. Das sollte sich bald zeigen.Jedenfalls stimmt das “Licht“. Die grauen Regenwolken haben sich verzogen und eine sommerlich warme, wenn auch etwas stechende Sonne bietet eine schöne nachmittägliche Beleuchtung.Dann beginnt unser Spiel. Schrecksekunde gleich zu Beginn: der CD Spieler braucht erst einen beherzten Klaps, bevor er seinen Hänger aufgibt. In den ersten Szenen geht alles gut. Dann aber, je weiter das Stück fortschreitet, mischen sich die Kinder ein. Immer dreister und mutiger überschreiten sie die imaginäre Grenze zwischen Zuschauerraum und Spielfläche. Zum Teil imitieren sie die Bewegungen der Darsteller, spielen mit, einer holt seine Zorromaske von zu Hause, sie zupfen an den Kostümen, kommentieren lauthals das Geschehen und stehen immer wieder den Masken tragenden Spielern im Weg... Die Schauspieler kommen ins Schwitzen. Das sind sie nicht gewohnt. Sie kennen bisher nur den bestaunenden Abstand, den ihre Masken bei den Zuschauern hervorrufen. Manche fühlen sich bedroht und nur vereinzelt schaffen auch sie es, die Grenze in umgekehrter Richtung – von der Bühne zu den Zuschauern – zu überschreiten oder unbeirrt ihre Rolle zu spielen.Die anderen Zuschauer ringsherum sind längst vergessen. Zur Unterstützung der Schauspieler und auch zu deren Schutz mische ich mich, der ich ja auch eine Maske trage, unter die Kinder mit dem Versuch, nicht aus meiner Rolle zu fallen und doch auf die Situation einwirken zu können. Die Kinder bestürmen mich mit Fragen ... und leider kann ich nur wenige Brocken Italienisch. Ich setze mich zu ihnen auf den Boden, manchmal dränge ich die allzu dreisten von der Spielfläche. Ich zeige ihnen die geheimnisvollen Kugeln des Glasperlenspielers und schwitze... Jede Minute, die verstreicht ist gewonnen. Einen kurzen Augenblick denke ich: “müssen wir abbrechen?“ Und das denkt, wie ich später erfahre, auch unser Fernsehteam.„ Da müssen wir durch. Das ist Straßentheater. Die Kids sind ja eigentlich nur fasziniert und meinen es nicht böse.“ Und wieder mische ich mich unter die Kinder: “Schaut, ein Tanz... ein Tanz“. Es ist die letzte Szene. Und dann ist das Stück zu Ende.Mit großer Erleichterung nehme ich meine Maske ab. Beim Schlussapplaus, in den auch die Kinder begeistert einfallen steht den Schauspielerinnen und Schauspielern die Anstrengung noch ins Gesicht geschrieben und nur zögerlich löst sich die Anspannung in einem Lächeln auf. Wieder einmal ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Aber wie? Mit einer bisher für die Darstellerinnen und Darsteller nicht gekannten Grenzüberschreitung. Ein weiterer Grund, weshalb uns diese Aufführung wohl nicht so schnell aus dem Gedächtnis schwindet. Und dann gibt es ja noch den Film, der das alles festhält.
PS. Der Film über Venedig wurde 2003 in der Sendung Stolperstein im Bayerischen Fernsehen (3. Programm) gesendet. Insgesamt ist das der dritte TV-Beitrag über unser Maskentheater Labyrinth, abgesehen von zwei Kurzbeiträgen im Tagesaktuellen. Die Autorin Brigitte Hausner befürchtet schon eine never- ending- soap- story a la Lindenstraße o.ä. Ich hätte da schon noch ein paar Ideen. Wie wärs mit unserem neuen Stück „ alles dreht sich um die Liebe“ oder über unseren Skiclub oder wir machen einfach mal was ganz Verrücktes...? Wir sind da ganz offen.
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