Interview mit den Gründern der Theaterwerkstatt Eisingen Viktor Reinhold und Karlheinz Halbig-Kolb anlässlich der Buchveröffentlichung zum integrative Tanztheater-Projekt Liebe = ein seltsames Spiel im April 2006
Was ist das Besondere an der Theaterarbeit mit Menschen mit einer geistigen Behinderung? Und wie sind Sie dazu gekommen? Karlheinz: Wir haben schon immer, seit wir uns in den 70-ern kennen gelernt haben, eine gemeinsame Begeisterung fürs Theater geteilt. Viktor: Vor 25 Jahren haben wir mit unserer Theaterarbeit im St. Josefs-Stift begonnen. In kleinen Schritten mit der Tendenz zum Wachsen. Zum Beispiel hieß unser erster Theaterkurs „Singen – Spielen - Verkleiden“ und genau das haben wir gemacht. Daraus hat sich für alle immer mehr die Lust entwickelt, nicht nur für uns selber im stillen Kämmerchen zu spielen, sondern auch vor Publikum. Nach Märchen und Komödien, bei denen wir mit einem Erzähler gearbeitet haben und die Situationskomik der Mitwirkenden im Vordergrund stand, haben wir mit dem Verzicht auf das gesprochene Wort einen grundsätzlich neuen Theateransatz für uns gefunden. Und wir haben bemerkt, dass die Menschen mit Behinderung, unsere Darsteller, vieles, auch Tiefgründiges und Wichtiges zu sagen haben, das bei den Zuschauern als Botschaft ankommt. Auch ohne Worte, nach dem chinesischen Sprichwort „Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“. Seitdem bringen wir Bilder auf die Bühne, die wiederum Bilder in den Köpfen der Zuschauer erzeugen. Geschichten in Bildern, die berühren.
Karlheinz: Bilder entstehen zu lassen, eigene Geschichten zu entwickeln braucht Zeit und Raum. Wir versuchen uns dem Tempo unserer Schauspieler anzupassen, zu warten, geduldig zu sein. Und das ist schon das Besondere: Geduldig zu sein, bis der richtige Ausdruck gefunden ist. Wenn genug Raum vorhanden ist, gibt es immer wieder Überraschungen, welche darstellerischen Fähigkeiten zu Tage treten. Wie viel Tiefe, mit oft begrenzten Mitteln und Einschränkungen, zustande kommt. Viktor: Der Rhythmus im Spiel ist ein ungewohnter, gegen den heutigen Trend, bei dem alles schnell mit einer Flut von Bildern und Worten einhergeht. Unser Rhythmus ist langsamer, einprägsamer, meditativer und überhaupt nicht oberflächlich. Was gibt die Arbeit Ihnen persönlich und was ist Ihr Anteil an der Theaterarbeit? Viktor: Auch wir verwirklichen uns in jedem Stück bei dem wir Regie führen, was wir natürlich auch von den Schauspielern hoffen, mit unserer Kreativität und mit unseren künstlerischen und gestalterischen Ambitionen. Karlheinz: Es ist eine Herausforderung mit einfachen oder wenigen Mitteln eine Geschichte darzustellen, eine Botschaft zu vermitteln. Und das in einem klaren und verständlichen Spannungsbogen bzw. einer Inszenierung. Und selbstverständlich sind in allen Szenen auf der Bühne die Geschichten der Darsteller mit unseren eigenen verwoben. Liebe ist ein seltsames Spiel …. Warum ausgerechnet ein Stück über Liebe? Viktor: Liebe ist das Thema, nicht nur im Alltag sondern auch im Theater. Das gilt für Menschen mit Behinderung genauso wie für Menschen ohne Behinderung. Es hat uns gereizt mit unseren Leuten dieses große Thema, das so viele Emotionen auf sich vereinigt zu bearbeiten. Karlheinz: Liebe begleitet uns durch unser Leben. Wir haben viele Stücke zum Thema Lebensweg gemacht bzw. sie sind in gemeinsamer Arbeit entstanden, bei denen das Phänomen Liebe berührt wurde, aber nie das eigentliche Thema war. Außerdem ist es immer mehr auch Thema für viele Bewohnerinnen und Bewohner des St. Josefs-Stifts geworden, durch Partnerschaften, Heirat, gemeinsame Wohngruppen und vielleicht auch durch Öffnung der Gesellschaft, was das Projekt und die Reaktionen der Tänzerinnen bestätigt. Wie war das, mit den Tänzerinnen zusammen zu arbeiten und wie hat sich das Stück dabei verändert?
Karlheinz: Mit den Mädels, das war eine sehr schöne Erfahrung. Die Offenheit der jungen Frauen, aber auch die Unkompliziertheit der Leiterin des Tanzensembles, Frau Wagner-Schneider, hat von Anfang an zu einem harmonischen Miteinander geführt. Und unsere Schauspieler sind ja auch sehr offen. Viktor: Durch die jungen Tänzerinnen und die Dynamik des Tanzes hat das Stück einen neuen Rhythmus bekommen. Es war spannend, die unterschiedlichen Rhythmen/Tempi der beiden Gruppen zusammen zu bringen. Mit einer ungeahnten Leichtigkeit ist das passiert. Auch mit einer großen Freude, mit viel Spaß und hoher Motivation. Das hat alle angesteckt. Und natürlich wurde die Botschaft des Stücks intensiviert. Liebe ist eben ein seltsames Spiel. 25 Jahre Theaterarbeit mit Menschen mit Behinderung und jetzt integrativ? Karlheinz: Grundsätzlich sind wir der Meinung, dass Menschen mit Behinderung nicht darauf angewiesen sind mit Nichtbehinderten, seien es professionelle Schauspieler oder Amateure, Theater zu spielen. Und dass Integrativ nicht automatisch eine Aufwertung in der Theaterarbeit bedeutet. Das gilt für Theater mit Behinderten, aber auch für Theater mit nicht behinderten Schauspielern. Viktor: Aber wenn sich die Gelegenheit ergibt, eben wie jetzt mit dem Tanzensemble des Matthias-Grünewald-Gymnasiums, kann ein integratives. Projekt sehr spannend und erfolgreich sein, vor allem wenn wie bei unserem gemeinsamen Tanzprojekt beide Gruppen gleichberechtigt auf der Bühne stehen. Und dann ist es auch durchaus bereichernd, wie die Interviews mit den Mitwirkenden in diesem Buch zeigen. Liebe= ??? für Sie persönlich? Viktor: Das Phänomen Liebe lässt sich für mich in einer kurzen Formel zusammenfassen. Liebe bekommt man geschenkt Liebe kann man geben. Liebe muss man pflegen. Karlheinz: Meine Gedanken habe ich in einem Gedicht zusammengefasst, das unter dem Eindruck dieses Buchprojektes entstanden ist. Liebe ist zum Heulen! Liebe ist wunderschön.
Himmel hoch jauchzen in Toden vergehn. Liebe ist so flüchtig, ach könnt ewig sie bestehn, Liebe ist Leidenschaft ohne das Leid schon zu sehn. Liebe ist ein Füllhorn und doch immer gleich. Liebe kann so tief sein, sanfte Wellen im Teich. Liebe ist voller Zwiespalt, Glück und Unglück geben sich die Hand. Liebe ist ... Prinzip der Schöpfung genannt? Liebe ist Licht und Schatten, Liebe ist wie auf den Bergen der Föhn. Liebe ist einfach zum Heulen schön. Das Interview ist in dem Fotobildband "Liebe = ein seltsames Spiel" von G. und H.-J. Hummel, erschienen bei Königshausen & Neumann Würzburg 2006, abgedruckt.
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