Würzburger Katholisches Sonntagsblatt Nr. 20 vom 14. Mai 2006 Liebe ist ...
|
|
| © Teresa Ruppert |
| Bei ihrer Soloeinlage zeigen die Schülerinnen als enttäuschte Seelen ihr tänzerisches Können |
|
Integratives Tanztheater in Vollendung auf der Bühne und zwischen BuchseitenWÜRZBURG. Wolfgang Amadeus Mozart lässt seinen Don Giovanni zum Schluss der Oper in die Hölle fahren. Hat dieser Verführer doch so viele Frauen und Mädchen ins Unglück gestürzt. Doch es gibt noch eine andere Variante. Mozarts Oper bildet auch die Vorlage für ein Theaterprojekt der Tanzwerkstatt der Eisinger Behinderteneinrichtung St. Josef-Stift „Liebe =???“. In einer integrativen Version dieses aktuellen Stücks bereiten die Seelen der Verführten als Rächerinnen dem Frauenhelden ein unrühmliches Ende. Diese Seelen sind im Alltag Schülerinnen des Würzburger Matthias-Grünewald-Gymnasiums, Mitglieder des dortigen Tanz-Ensembles, die sich bereit erklärt hatten, an dem integrativen Tanztheater mitzuwirken.
Sprache überflüssig Ausgangspunkt für dieses Projekt ist das aktuelle Theaterstück der Eisinger Theater-Werkstatt, die in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bühnenjubiläum feiert und inzwischen international bekannt ist. Ihre Akteure haben in dieser Zeit unter der Regie der Werkstattleiter Karlheinz Halbig-Kolb und Viktor Reinhold bereits mehrere viel beachtete Theaterproduktionen auf die Beine gestellt. Die neun Eisinger Darsteller demonstrieren in szenischem Dialog, dessen Wirkung mit Masken verstärkt wird, nur in Gestik und Mimik, was Liebe an Irrungen und Wirrungen bei Menschen anrichten kann. Auch der Einsatz von Musik weicht von Mozarts Opernvorlage ab, reicht von der Klassik bis zur Moderne. Selbst der inzwischen in die Jahre gekommene Schlager „Die Liebe ist ein seltsames Spiel“ kommt wieder zu Ehren. Die tänzerischen und musikalischen Elemente harmonieren und machen die Sprache als Verständnishilfe für den Zuschauer überflüssig. Die nächste Aufführung der Urfassung von „Liebe =???“ findet am 14. Mai um 14 Uhr im Hösbacher Pfarrzentrum statt.
|
|
| © Teresa Ruppert |
| Elvira lässt sich von Giovanni in Maske betören |
|
Integration einmal anders Die integrative Version des Stücks, das entstand, weil die Eisinger Akteure bewusst Liebe auch als unverzichtbaren Bestandteil menschlichen Lebens bei Behinderung thematisieren wollten, trägt eine besondere Note. Bei „Liebe = ein seltsames Spiel“ überwinden nicht behinderte Jugendliche ihre Scheu, lassen sich ohne langes Zögern in die Welt ihrer behinderten Mitspieler integrieren, mit denen sie als Ensemble eine unverkrampfte Einheit bilden. In Solo-Einlagen, in denen die Mädchen ausdrucksstark die Emotionen der von Don Giovanni getäuschten Frauen symbolisieren, zeigen sie ihr tänzerisches Können. Im Kontrast dazu fügen sie sich in die eher ruhigen szenischen Bilder ein, die sie mit ihren ebenso schauspielerisch engagierten Eisinger Partnern auf der Bühne entwerfen.
Das Buch zum Stück Begeistert von dem beeindruckenden Spiel der behinderten und nicht behinderten Darsteller zeigte sich der Würzburger Fotograf Hans-Joachim Hummel, der mit seiner Frau Gabriele als Texterin einen farbenfrohen Bildband geschaffen hat. In ihm sind nicht nur faszinierende Szenenfotos zu sehen, in denen Hummel gekonnt die Tanzbewegungen festgehalten hat. Gabriele Hummel hat mit allen Akteuren einfühlsame Interviews geführt, die viel über deren Stimmungen und Einstellungen zum Stück und zur Zusammenarbeit verraten. Das Buch kostet 24,80 Euro und ist im Würzburger Verlag Königshausen & Neumann erschienen (ISBN 3-8260-3383-3). Unterstützt wurden das integrative Theaterprojekt wie die Herausgabe des Bildbandes von der Aktion Mensch, deren Verantwortliche zu der Überzeugung gekommen waren, dass hier künstlerische Qualität und integrative Zielsetzung eine gelungene Synthese eingehen. Gerhard Heinrichs
|