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Gemeinde creativ 6/2007 Kunst, Kultur und Brauchtum
Ihre Trauer ist unaussprechlich
Das Ensemble des St. Josefs-Stift Eisingen erzählt die Passion Jesu
 
Eine Gänsehaut läuft über den Rücken, wenn die Peitsche knallt. Der Zuschauer sieht nichts. Kein Blut fließt. Kein Mensch windet sich in Qualen. Die Peitsche knallt. Das ist das einzige, was er hört. Dann betreten Menschen mit Masken die Bühne. Langsamen Schritts. Fast wie in Trance bewegen sie sich. Unaussprechlich ist ihre Trauer. Ihr Sohn, ihr Freund wird zu Tode gefoltert.
 

Ein ehrgeiziges Projekt packte die Theaterwerkstatt Eisingen an, als sie sich vor mehr als zwei Jahren an die Arbeit des Passionsspiels „Mensch Jesus“ machte.Die ersten Überlegungen, wie geistig behinderte Schauspielerinnen und Schauspieler Jesu Leidensgeschichte auf die Bühne bringen könnten, fiel in jene Zeit, als die Diskussionen um Mel Gibsons Film „Die Passion Christi“ noch präsent waren. 2004 spaltete der Regisseur mit seinem brutalen Streifen das Kinopublikum. Viele Zuschauer fühlten sich von der Darstellung exzessiver Gewalt abgeschreckt.
Das Theaterensemble der größten unterfränkischen Behinderteneinrichtung, die dem Caritas-Verband der Diözese Würzburg angehört, beweist, dass die Leidensgeschichte auch anders erzählt werden kann. Emotional aufrührend. Ohne Schockeffekte.

Zu denjenigen, die ohne Worte tief bewegen, gehört Sascha Roth. Mit weit ausgebreiteten Flügeln tanzt er langsam über die Bühne. Sascha ist der Engel, der von Jesus verkündet; der Jesus begleitet; der um Jesus trauert. Von den Rhythmen der Musik, von Armin Höfig eigens für das Stück komponiert und vom Ensemble Klez’amore eingespielt, lässt er sich bei seinem Tanz leiten. Mit traumwandlerischer Sicherheit.

Nichts lenkt bei diesem Maskenspiel vom Wesentlichen, der Konzentration auf die Lebensstationen Jesu, ab. Spärlich die Bühnenausstattung. Zwei hölzerne Tore sind zu sehen. Symbol für den Anfang und das Ende. Die Leere, in die sie hineingestellt sind, verstärkt ihre Symbolkraft. Das ist tatsächlich das ganze Leben. Es beginnt. Es verläuft. Es muss enden.

Noch nie, erzählt der Theaterpädagoge Karlheinz Halbig-Kolb, war die Arbeit an einem Theaterstückso intensiv wie bei diesem. Es ging keineswegs alleine darum, sich mit dem Matthäus-Evangelium auseinanderzusetzen und eindringliche, symbolkräftige Bilder für die Lebensgeschichte Jesu zu finden, die den Aufführungsrahmen von 70 Minuten nicht sprengen würden – allein dies eine Herausforderung, die hohe Kunstfertigkeit erfordert. Noch nie wurden im Vorfeld der Proben, beim Anfertigen der Masken während eines Wochenendes im Frühjahr 2006 im Bayerischen Wald sowie im Laufe der Einstudierung aber auch so intensiv über existenzielle Themen gesprochen. Über das Leben und den Tod. Nicht wenige der zwölf behinderten Schauspielerinnen und Schauspieler haben Erfahrung mit Tod und Sterben. Sie erlebten, dass Bewohner der großen Behinderteneinrichtung starben. Manch einer verlor seine Eltern.

Weder die Probenarbeiten noch das Stück selbst jedoch soll in Melancholie ertränkt werden. Halbig-Kolb lässt die Schauspieler beide Facetten des Wortes „Passion“ ausleben. Passion – das bedeutet Leidenschaft. Jene Leidenschaft, mit der die Menschen mit geistiger Behinderung (was ihnen manch einer der „Gesunden“ sicher nicht zutrauen würde) ihrer Lust am Agieren auf einer Bühne nachgehen. Gemeint ist aber natürlich auch und vor allem die Leidenschaftlichkeit eines Lebens, wie Jesus es führte – ohne Selbstverrat bis zu seinem Tode.

Es gehört zu den beglückendsten Erfahrungen des Menschen, sich selbst als leidenschaftlich, also als nicht fremdbestimmt, als nicht lau, nicht innerlich leer zu erleben. Gerade auch von dieser Sehnsucht nach einem leidenschaftlichen, Grenzen erweiternden Leben in Fülle sprechen die geistig behinderten Schauspieler in ihrem Passionsspiel.

Passion hat aber auch eine andere Seite. Die ebenfalls in dem deutschen Begriff steckt. Passion ist Leiden. Körperliches wie auch seelisches Leiden. Leiden unter Schlägen. Leiden unter Einsamkeit. Leiden unter einem Nichtverstandenwerden. Leiden unter seelischer Grausamkeit. Durch Mark und Bein fährt es denn auch dem Zuschauer, wenn Jesus von den anderen auf der Bühne lauthals gedemütigt, in grausamen Übermut als „König der Juden“ verhöhnt und verspottet wird.

Die Schauspieler suchten sich die Figuren, die sie spielen wollten, selbst heraus und gestalteten dazu ihre eigene Maske. Verblüffend: Die Wahl stimmte immer. Sei es, dass die Figur ein vorherrschendes Persönlichkeitsmerkmal des Schauspielers unterstreicht. Sei es, dass die Figur von geheimen Wünschen des Mimen erzählt. Auch vom unleugbaren Wunsch nach dem Bösen, der immer wieder in Menschen aufbricht. So gut sie sein wollen. So sehr sie sich bemühen, gut zu sein.

So entschied sich Heiko Jacoby dafür, den Teufel zu spielen. Und er tut dies wunderbar. Die Raffinesse des Teufels, seine Schläue, seine listigen Verführungskünste – all dies bringt Jacoby in wenigen, wendigen Bewegungen zum Ausdruck.

Auch Judas Iskariot hat einen „Abnehmer“ gefunden. Frank Rimi entschied sich, diese Rolle zu übernehmen. Und nicht nur das: Er ist zusätzlich bereit, die schillernde Figur des Pontius Pilatus auf die Bühne zu bringen.

Am 16. November wurde das Passionsspiel erstmals vor Publikum gezeigt. Richtig losgehen mit den Aufführungen wird es allerdings erst im Frühjahr nächsten Jahres. Mehrere Aufführungstermine für Februar und März 2008 im „Theater unterm Turm“ des St. Josefs-Stift stehen bereits fest. Das Ensemble wünscht sich aber auch, von Pfarreien aus ganz Bayern eingeladen zu werden, um vor Ort zu präsentieren, was über nahezu drei Jahre erarbeitet wurde.

Dabei geht es nicht alleine darum, Menschen durch eine hochemotionale, künstlerisch wertvolle Darstellung des Leidenswegs Jesu zu erbauen. Dies natürlich auch. Ebenso wichtig ist dem Team der Eisinger Theaterwerkstatt jedoch, über das Theaterspiel Vorurteile gegenüber Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung abzubauen. Viel zu oft wird noch geglaubt, diese Menschen seien lediglich ein Betreuungsfall. Nichts weniger ist wahr. Die Eisinger Ensemblemitglieder beweisen, wie kreativ und einfühlsam Menschen mit einer geistigen Behinderung sind.

Nicht von ungefähr kommt das Stück fast ohne Worte aus. In der verbalen Kommunikation, die oft rasch und ungeduldig vonstatten geht, geraten Menschen mit geistiger Behinderung zwangsläufig ins Hintertreffen. Wer sich durch das Theaterstück jedoch eingestellt hat auf ihre besondere Seinsweise, ihre – das ist nun einmal nicht zu leugnen – andere Welt, wird Zugangswege zu ihnen entdecken.

Die Mitglieder des Ensembles selbst sind aufgeschlossen. Wer wollte, durfte den Proben beiwohnen. Durfte fragen, was er wissen wollte. Sie gaben gerne Auskunft. Über das, was sie denken, was sie fühlen. Es liegt an den „Normalen“, auf sie zuzugehen.

Pat Christ ist freie Journalistin in Würzburg.


 

 

 

Veröffentlicht: 05.11.2009 Pat Christ